
Über 200 Jahre später – Napoleons verschlüsselte Botschaft mit KI entschlüsselt

Eine verschlüsselte Botschaft des französischen Kaisers Napoleon I. Bonaparte an General Auguste de Marmont konnte nach 217 Jahren mithilfe von KI entziffert werden. Dies berichtet Carter Church, ein Ingenieur im Bereich der Künstlichen Intelligenz im Dienst des US-Unternehmens SentinelOne, der an der Entschlüsselung arbeitete.
Er nutzte das System "GPT-6 Astra", das die Symbole innerhalb von etwa sechs Stunden transkribierte und den Inhalt der Botschaft rekonstruierte.
Der Brief war im Jahr 1809 auf Anweisung Napoleons von dessen Stiefsohn Eugène de Beauharnais an General Marmont verschickt worden, der zu jener Zeit die französischen Truppen in Dalmatien befehligte – mit dem feindlichen Österreich zwischen seinem Kontingent und allen anderen französischen Heeren. Die in dem Brief enthaltenen Informationen ermöglichten es Marmont, sein Heereskontingent mit Napoleons Armee zu vereinen. Der General zeichnete sich später in der Schlacht bei Wagram aus und wurde zum Marschall befördert. Der Brief selbst blieb zwar erhalten – doch der Schlüssel zur Chiffre des Dokuments war verloren gegangen.
Das Dokument besteht aus rund 1.300 Zeichen – diese umfassen 155 verschiedene Symbole, darunter Ziffern, Buchstaben und Sonderzeichen.

Zum Entschlüsseln nutzte die von Church verwendete KI die bereits bekannten Werte von 33 dieser Symbole und rekonstruierte die übrigen mithilfe der Methode des "Simulated Annealing" ("simuliertes Abkühlen") – ein heuristisches Optimierungsverfahren. Dabei versucht man, sich einem nicht bekannten, aber als existent angenommenen Bestwert beziehungsweise einer Wertemenge Probe um Probe so gut wie möglich anzunähern.
Die beim Anwenden dieser Methode gewonnenen Varianten der Entschlüsselung der Symbole wurden auf die Botschaft angewendet und das jeweilige Ergebnis mit französischen Texten und nicht zuletzt mit den erhaltenen Schriften Marmonts abgeglichen. Etwa ein Fünftel der Zeichen galt durch die Arbeit eines französischen Enthusiasten der Geschichte der Kryptografie bereits mit hoher Wahrscheinlichkeit als entschlüsselt – Church ging von ihnen als gegeben aus.
Um den Umfang dieser Arbeit zu verdeutlichen: Die große Zahl an Zeichen für das lateinische Alphabet führte am Ende des Vorgangs dazu, dass für jeden Buchstaben zwischen zwei und neun Zeichen standen, aus denen das verschlüsselnde Personal frei wählte. Zudem hatten 15 ganze Wörter jeweils ein eigenes Zeichen. Zu allem Überfluss wurde als Störsignal immer wieder eine Null an zufälligen Stellen eingefügt.
Daraus wird klar, dass zum Beispiel ein Abgleich der Häufigkeit der verwendeten Zeichen mit der Häufigkeit des Vorkommens von Buchstaben an den oder jenen Stellen in den Wörtern und Silben der französischen Sprache so gut wie nicht weiterhelfen konnte. Stattdessen musste man sich an diese Werte durch Versuch und Irrtum herantasten – durch viele, viele Versuche und Irrtümer, die man dem KI-Modell überließ. Und die Bedeutung von fünf Zeichen konnte mit dieser Methode schließlich doch nicht mit hinreichender Eindeutigkeit dechiffriert werden. Church hierzu wörtlich:
"Wenn immer ein Entschlüsselungsvorschlag für ein Zeichen dem französischen Text mehr Glätte verlieh, wurde dieser Vorschlag durch einen Abgleich mit einer jeden anderen Stelle abgeglichen, wo dieses Zeichen vorkommt. Und der Vorschlag wurde nur dann angenommen, wenn dieser Vorteil in allen Instanzen vorhanden war."
In der Botschaft informiert Napoleon seinen General über die Aufstellung der französischen und verbündeten Armeen unmittelbar vor dem Krieg gegen Österreich. Insbesondere ermahnte der Kaiser seinen General, sich nicht durch kleinere gegnerische Truppenkontingente oder gar Haufen von Milizen einschüchtern zu lassen: Österreich würde gleichzeitig aus mehreren Richtungen angegriffen werden und bei derart entschlossenem Vorgehen Napoleons, seiner Generäle und seiner Verbündeten sowie situativen Weggefährten (damals war Russland ein solcher situativer Weggefährte Frankreichs) schnell fallen.
"Österreich wird gleichzeitig von allen Seiten angegriffen werden. Es steuert rasch auf seinen eigenen Untergang zu. Sobald Sie also den Befehl zum Ausrücken erhalten, dürfen Sie sich nicht von einer Handvoll Truppen oder einem Haufen Abschaum entmutigen lassen."
Dass die Botschaft in verschlüsselter Form versandt werden musste, ergibt sich aus der Gefahr, dass der Bote abgefangen und die Botschaft durch eine andere – denkbar ist eine Botschaft mit einem gegenteiligen Inhalt – ersetzt werden könnte, was ein aktives Eingreifen des Generals in die Kampfhandlungen hinauszögern würde.
Am 4. September stellte OpenAI das neue KI-Modell GPT-6 Astra vor. Unternehmenspräsident Greg Brockman bezeichnete die Veröffentlichung als "Generationswechsel" in der Branche und erklärte, das Modell markiere den Beginn der "Ära der AGI" – der allgemeinen künstlichen Intelligenz.
Am 29. September sagte OpenAI die Veröffentlichung seines neuesten KI-Modells GPT-6.1 Astra aufgrund von Sicherheitsbedenken ab. Dieser Schritt erfolgte vor dem Hintergrund von Skandalen um Fälle, in denen KI-Systeme außer Kontrolle geraten waren.
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