Von Dagmar Henn
Will Sarah Bosetti jetzt in die Politik? So kommt es einem zumindest vor, wenn man ihre Suada zum Thema Bildungspolitik und AfD hört. Wie immer vorgetragen mit einem emotionslosen Gesichtsausdruck von absoluter Hochnäsigkeit, der von vornherein signalisiert: Mein ist die Wahrheit!
Nun ja, für die Wahrheit muss man sich in der Regel etwas umfassender mit einem Thema beschäftigten, als das Bosetti so draufhat. Weil es schon hübsch ist, zu erklären, eigentlich verringere die Schulpflicht soziale Unterschiede (was man in Deutschland in den Konjunktiv setzen müsste), um dann zu erwähnen, dass die deutschen Schulen sozial sehr selektiv sind. Also was nun?
Klar, bei einer derart oberflächlichen Betrachtung kann sie auf die entscheidenden Stichpunkte gar nicht kommen: Dreigliedrigkeit beispielsweise. Eine weltweit gesehen exotische Form, die mit einer Aufteilung der Schülerschaft im vierten Schuljahr nur in Deutschland, Österreich und der Schweiz zu finden ist. Die verbreitetste Form ist eine einheitliche Schule bis etwa zur achten oder neunten Klasse.
Wobei die gravierendste Folge dieser frühen Aufteilung die ist, dass sich die Aufmerksamkeit der Grundschullehrer oft schon ab der dritten Klasse vor allem auf die möglichen Gymnasiasten richtet. In der Schule meiner Zwillinge wurde das sogar tatsächlich den Schülern gegenüber so ausgesprochen, und die zukünftigen Hauptschüler bekamen das tagtäglich zu spüren.
Inzwischen ist die in früheren Jahrzehnten mal zentrale Debatte über die Dreigliedrigkeit in Deutschland völlig verstummt. Was auch damit zu tun hat, dass trotz massiver Einwanderung nie ernsthaft daran gearbeitet wurde, die Didaktik daran anzupassen (außer in den Berufsschulen), und deshalb viele Schulen mittlerweile disfunktional werden, die Kinder gesellschaftlicher Funktionsträger aber dann eben in das richtige Gymnasium im richtigen Viertel entschwinden können, um sich dem ganzen Ärger zu entziehen.
Allein an diesem Punkt kann man sehen, dass es in Deutschland gar keine Partei mehr gibt, die ernsthaft so was wie Bildungsgerechtigkeit vertreten würde. Dann kann sich natürlich auch eine wie Bosetti oder die Redaktion im Hintergrund nicht so einfach mal eine vernünftige Position holen.
Übrigens, gleich wie groß diese Redaktion ist, mit deutschen Begriffen scheint sie so ihre Probleme zu haben oder nicht einmal zu wissen, wie man sich über DeepL Begriffe eindeutschen lassen kann. Dieses Gerede vom "Homeschooling", oder gar die Formulierung "socially akward" ist wirklich schräg. Heimunterricht heißt das auf Deutsch.
Dass Bosetti wieder mal schummelt, überrascht auch nicht wirklich. Weil sie interpretiert, eine Abschaffung der Schulpflicht sei gleich eine völlige Aufhebung. Das ist es auch in den Ländern nicht, in denen Heimunterricht erlaubt ist, auch dort geht die überwiegende Mehrheit der Kinder ganz normal in die Schule. Und es gibt meist ein Verfahren dafür, stattdessen zu Hause zu unterrichten. Österreich kennt das beispielsweise; dort wird ein Bildungskonzept erwartet, die Behörde kann widersprechen, und am Ende des Jahres muss jeweils eine Prüfung abgelegt werden.
In Frankreich gibt es ein Antragsverfahren und eine begrenzte Zahl von Gründen, warum Heimunterricht erlaubt wird. Auch hier muss ein Konzept vorgelegt werden, und die Behörde überprüft.
In Wirklichkeit ist also nirgends davon die Rede, dass plötzlich alle Kinder nicht mehr in die Schule gehen, und auch die AfD fordert das nicht, während Bosetti zwar so zu tun versucht, als lägen ihr soziale Fragen am Herzen, aber mit keinem Ton etwas vorträgt, was die – immer stärker werdende – soziale Auslese im deutschen Schulsystem verringert. Ganz zu schweigen von anderen Problemen wie Gewalt an Schulen und dem völligen Scheitern daran, in einer multinationalen Schülerschaft verbindliche Normen durchzusetzen.
Klar gibt es viele Eltern, die heute ihre Kinder vor den wirklichen Schulen schützen wollen. Und zwar nicht die "weißen Reichen", von denen sie einleitend spricht; die tun das ohnehin schon und schicken ihre Brut auf Internate oder Europaschulen oder eben auf das Gymnasium im richtigen Viertel. Nicht schwer, da sie meist auch im richtigen Viertel wohnen.
Probleme haben die Eltern, die für ihre Kinder eine gute Bildung wünschen, aber in einem armen Viertel mit hohem Migrationsanteil wohnen, weil dort die Mieten billiger sind. Probleme haben die Eltern, deren Kinder nicht aufs Gymnasium gehen. Weil die aktuelle Misere die wenigen Chancen, die Arbeiterkinder im westdeutschen Bildungssystem hatten, auch noch zerstört.
Aber Bosetti will nur die AfD dissen. Und sich selbst wieder einmal bestätigen, eine Gute zu sein. Die ganz toll nachdenkt über Sozialverhalten und Demokratie und so:
"Aber zugleich fehlt dir, wenn du nie eine Schule besuchst, ja trotzdem die frühe Erfahrung, Teil einer nicht selbst gewählten Gruppe, eines sozialen Raums, also einer Gesellschaft zu sein, in der du dich zurechtfinden musst. In der du mit verschiedenen Meinungen, mit anderen Lebensentwürfen und vielleicht sogar mit unterschiedlichen Kulturen in Berührung kommst. Und ich glaube, es gibt momentan kaum etwas, das wir dringender stärken sollten, als unsere Gesellschaftsfähigkeit."
Ja. Doch wenn du nicht das denkst, was ich denke, bist du ein Blinddarm. Es gibt viele Personen, die öffentlich ihre völlige Unfähigkeit bewiesen haben, mit anderen Meinungen umzugehen (von anderen Lebensentwürfen ganz zu schweigen); Bosetti gehört da eindeutig zur Spitzengruppe.
Und, wo wir schon mal dabei sind:
"Wer Bildung weitergeben will, muss Bildung haben. Also, wie soll Tino Chrupalla mit seinen Kindern Gedichte analysieren, wenn ihm kein einziges einfällt?"
Dafür gibt es eine praktische alte Erfindung, die man bei Gedichtanalysen ohnehin nutzen sollte. Sie nennt sich Buch. Frau Bosetti, sollten Sie nicht wissen, was das ist, fragen Sie doch mal einen Buchhändler. Sofern Sie den nicht auch für einen Blinddarm halten.
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