"Der große Verlierer" heißt Donald Trump: Leitmedien im Siegesrausch

Trump hat verloren, und in den Redaktionen der internationalen Leitmedien knallen die Champagnerkorken. Von der "Washington Post" über die "New York Times" bis zur "NZZ" wird die Niederlage des US-Präsidenten mit einer Euphorie kommentiert, die kaum zu übersehen ist.

Von Hans-Ueli Läppli

Trump verliert Stimmen, die Leitmedien verlieren ihre Zurückhaltung. Die Champagnerkorken knallen sinnbildlich in Washington, New York, Berlin und Zürich.

"Historische Niederlage", "vernichtende Zurechtweisung", "der große Verlierer"

Die Schlagzeilen lassen wenig Raum für Distanz. Dabei ist der neue Kongress noch gar nicht im Amt. Die Vereidigung der gewählten Abgeordneten steht erst noch bevor. Bis dahin bleibt die bisherige Zusammensetzung bestehen. Wie sich die neue Mehrheit tatsächlich gegenüber Trump positioniert, muss sich erst noch erweisen. Die Reaktion der Medien dagegen ist bereits jetzt unübersehbar. 

Die Washington Post spricht von einer historischen Niederlage und stellt die Rückkehr der Demokraten an die Spitze des Kongresses in den Mittelpunkt.

Die New York Times bezeichnet die Wahl als bitter und teuer für Trump. Die Wähler hätten dem Präsidenten eine vernichtende Zurechtweisung erteilt.

CNN spricht von einer Rückeroberung des Kongresses durch die Demokraten. Das Vokabular ist eindeutig. Aus einer Zwischenwahl wird eine persönliche Abrechnung mit Donald Trump.

Auch in Deutschland ist die publizistische Begeisterung groß.

Die Süddeutsche Zeitung titelt:

"Der große Verlierer heißt Donald Trump."

Für den unbeliebten US-Präsidenten seien die Midterms ein Debakel. Trump suche die Schuld bei den republikanischen Kandidaten und drohe den Demokraten, die künftig die Mehrheit im Kongress stellen sollen.

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung rückt ebenfalls die Niederlage des Präsidenten ins Zentrum ihrer Berichterstattung.

Der Tenor ist klar. Trump hat verloren, die Demokraten triumphieren.

Der Spiegel konzentriert sich unterdessen auf den Wahlerfolg von Abdul El-Sayed, den Trump im Wahlkampf als Dschihadisten bezeichnet hatte. El-Sayed zieht in den Senat ein.

Seine Wahl wird als historisches Ereignis für die muslimische Bevölkerung der USA eingeordnet.

Auch die Schweizer NZZ stimmt in den Chor ein. Die Demokraten hätten mit historischen Siegen in konservativen Hochburgen einen außergewöhnlichen Erfolg erzielt.

Trump erweise sich für die Republikaner zunehmend als Ballast.

Der österreichische Standard spricht von einer massiven Zurückweisung des Präsidenten und meldet den Gewinn der Mehrheit im Repräsentantenhaus durch die Demokraten.

Auffällig ist nicht, dass Medien über eine Wahlniederlage berichten. Das gehört zu ihrem Auftrag. Interessant ist vielmehr die Wortwahl.

"Vernichtende Zurechtweisung", "schallende Ohrfeige", "Debakel" und "der große Verlierer"

Die Berichterstattung nimmt stellenweise den Ton eines politischen Siegesfestes an. Die Niederlage eines Präsidenten wird zur publizistischen Triumphmeldung.

Besonders bei der NZZ fällt diese Tonlage auf. Ein Medium, das gerne auf seine analytische Distanz und journalistische Nüchternheit verweist, beschreibt Trump als Ballast für seine eigene Partei. Die Frage ist nicht, ob seine Politik kritisiert werden darf. Selbstverständlich darf sie das. Doch wenn die Wortwahl kaum noch Abstand zwischen Nachricht und politischer Bewertung lässt, lohnt sich ein genauerer Blick auf die journalistischen Maßstäbe.

Hinzu kommt ein Umstand, der in der Euphorie leicht untergeht. Die neu gewählten Abgeordneten treten ihr Amt erst nach der Vereidigung an. Der bisherige Kongress bleibt bis dahin im Amt. Auch die tatsächlichen politischen Konsequenzen der neuen Mehrheitsverhältnisse müssen sich erst zeigen. Eine Mehrheit auf dem Papier bedeutet noch nicht, dass die Demokraten jede Auseinandersetzung mit dem Präsidenten gewinnen werden.

Trump selbst reagierte auf die Ergebnisse mit Glückwünschen an erfolgreiche Demokraten und schob die Verantwortung für die Niederlagen teilweise den republikanischen Kandidaten zu. Die kommenden Monate werden zeigen, wie er mit der neuen politischen Konstellation umgeht und ob die Republikaner ihre Geschlossenheit bewahren können.

Für die Leitmedien ist die Sache dagegen bereits entschieden. Trump ist der große Verlierer, die Demokraten sind die Sieger. Die politische Bilanz steht noch aus, das publizistische Urteil ist aber längst gefällt. 

Die Midterms liefern damit nicht nur Stoff für eine Analyse der amerikanischen Machtverhältnisse. Sie geben auch einen aufschlussreichen Einblick in die Haltung jener Medien, die sonst gerne für sich journalistische Distanz beanspruchen.

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