JPMorgan-Chef Jamie Dimon zeichnet ein düsteres Bild der europäischen Wirtschaft und Verteidigungsfähigkeit. Die europäischen Staaten könnten sich ihre Streitkräfte kaum noch leisten und hätten bereits Mühe, ihre sozialen Sicherungssysteme zu finanzieren.
Bei einer Veranstaltung des Economic Club of Chicago am 14. Oktober warnte der Chef der größten US‑Bank vor Europas militärischer Verwundbarkeit und einer Spaltung des Westens.
"Die russische Armee könnte heute direkt bis nach Paris marschieren, wenn sie wollte", sagte Dimon in seiner Rede.
Seine Aussage unterstreicht die Sorge, dass Europa wirtschaftlich und militärisch gegenüber anderen Großmächten an Boden verliert.
Dimon verwies auf den Rückgang der europäischen Wirtschaftsleistung im Verhältnis zu den USA. Das Bruttoinlandsprodukt pro Kopf in Europa sei von rund 90 Prozent des amerikanischen Niveaus auf etwa 70 Prozent gesunken. Die europäischen Staaten könnten ihre Streitkräfte nicht ausreichend finanzieren und hätten kaum noch Spielraum, um ihre sozialen Sicherungssysteme aufrechtzuerhalten.
Dimon beschränkt seine Analyse nicht auf die kommenden Monate. Er spricht von tektonischen Verschiebungen, die das wirtschaftliche und politische Kräfteverhältnis langfristig verändern könnten. Europa müsse seine strukturellen Probleme überwinden. Die USA sollten ihre europäischen Partner dabei unterstützen und sie zu Reformen bewegen.
Zu den zentralen Anliegen des Bankers gehört eine engere wirtschaftliche Zusammenarbeit zwischen beiden Seiten des Atlantiks. Washington und Europa sollten mehr Handelsabkommen abschließen und auf ein umfassendes Freihandelsabkommen hinarbeiten. Damit könnten Investitionen erleichtert, wirtschaftliche Hindernisse abgebaut und die Wettbewerbsfähigkeit des Westens gestärkt werden.
Dimon sieht darin auch eine strategische Notwendigkeit. Ein wirtschaftlich schwaches Europa kann aus seiner Sicht weder seine Verteidigungsfähigkeit ausreichend stärken noch dauerhaft als gleichwertiger Partner der Vereinigten Staaten auftreten.
"Ich will 2050 kein Buch darüber lesen, wie der Westen verloren ging."
Dimon warnt vor einer Spaltung des Westens und davor, dass die USA und Europa durch zunehmende Fragmentierung ihre wirtschaftliche und strategische Stärke verlieren könnten. Im Jahr 2050 wolle er kein Buch über den verlorenen Westen lesen müssen.
Wirtschaftliche Konflikte und politische Entfremdung könnten die gemeinsamen Interessen der USA und Europas gefährden. Zerbreche der Westen, müssten alle Beteiligten neu überlegen, mit wem sie Geschäfte machen und wie sie ihre wirtschaftlichen Beziehungen gestalten.
Dimon hatte seine Einschätzungen bereits am 28. September 2026 in einem Gastbeitrag im Wall Street Journal mit dem Titel "Ein Plan zur Erneuerung der westlichen Welt" dargelegt. Darin thematisierte er Europas wirtschaftlichen Rückstand gegenüber den USA, seine Abhängigkeit von Energieimporten, die Zersplitterung der Verteidigungsindustrie sowie bürokratische Hürden, die Investitionen und Innovationen erschweren.
Seine Forderung richtet sich sowohl an Washington als auch an die europäischen Hauptstädte. Europa müsse seine Wirtschaft reformieren, mehr in die Verteidigung investieren und seine industrielle Basis stärken. Die USA wiederum sollten nicht dazu beitragen, die transatlantischen Beziehungen weiter zu beschädigen.
Dimons Aussage über einen möglichen russischen Vormarsch bis nach Paris ist ein drastischer Ausdruck der europäischen militärischen Schwäche. Selbst der Chef von JPMorgan scheut nicht davor zurück, die Lage offen anzusprechen. Seine Beurteilung der europäischen Verteidigungsfähigkeit ist im politischen und medialen Mainstream Europas kaum zu lesen. Unbequeme Einschätzungen dieser Art finden wenig Platz, obwohl sie die grundlegenden Probleme der europäischen Sicherheitspolitik berühren.
Dimons Botschaft reicht weit über die Verteidigungspolitik hinaus. Ohne wirtschaftliche Reformen, leistungsfähigere Streitkräfte und engere Handelsbeziehungen zwischen den USA und Europa droht der Westen durch innere Zersplitterung an Einfluss zu verlieren.
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